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Rimbaud - Werkstatt:

Das Azur des Himmels ist schwarz

 

Schmaler Rasen teilt den Platz säuberlich auf; alles darauf ist abgezirkelt, die Blumen und die Bäume. Alle kurzatmigen Bürger, von der Hitze erstickt, tragen dorthin am Donnerstagabend ihre eifersüchtige Dummheit.

Charlstown and mother. Kleine Kinder murmeln Flüche am Flußufer entlang. Ach! Die Kindheit, das Gras, der Regen, der See über den Ufersteinen, der Mondschein, wenn die Turmuhr zwölf schlug. Kinder, obwohl sie in Trauer sind, betrachten die wunderbaren Bilder: Ein kleiner Wagen verloren im Dickicht, mit Bändern geschmückt. Auf der Landstraße am Waldrand zieht eine Truppe Kommödianten kostümiert vorbei. In der Tat: Märchenhafter Auftritt des großen Zirkus.

Wir sind nicht auf der Welt. Das wahre Leben ist abwesend. Sehnsucht nach tiefer Zärtlichkeit vermählt sich mit der Angst des bösen Traums, daß die Erwartung vergeblich sei. Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin. Umgeben von den hellsten Strahlen bleibt die Seele schwarz, unheilbar.

Manchmal stand er steilsteif im Schilf und wartete, bis die Mägde zum Baden kamen und das weiße Fleisch der Schenkel zeigten.

Ich strich durch die stinkenden Gassen und bot mich mit geschlossenen Augen der Sonne dar. Man kann nicht fort. Es gibt keine Zuflucht; wenn man vorwärts geht, so nähert man sich nur dem Ende der Welt. Dennoch: Die Revolte ist tätig, sie zielt auf die verschütteten MÖGLICHKEITEN. Die wahre Poesie ist Wiederbeginnen und Wiederbeleben; geboren wird sie in nächster Nähe des Todes. Sie ist kämpferischer Reflex gegenüber dem üblen Schlaf des banalen Alltags, dem Schlaf, der zum Tode führt.

Dieses Leben während meiner Kindheit, die Landstraße bei jedem Wetter. Übernatürlich enthaltsam, desinteressierter, als der beste Bettler, stolz darauf, weder Heimat noch Freunde zu besitzen, welche Dummheit es doch war. - Und erst jetzt merke ich es! Ich muß mich bemühen ohne Liebe auszukommen, oder sie im poetischen Akt wiederentdecken.

Ich glaubte an alle Verzauberungen, an die dummen bunten Verzierungen über den Türen, an den Schaubuden, auf den Ladenschildern, auf den volkstümlichen Blättern; an die aus der Mode gekommene Literatur, erotische Bücher ohne Rechtschreibung, Märchen, kleine Kinderbücher, täppische Kehrreime.

In meiner Kindheit haben gewissen Himmelsbilder mein Sehvermögen verfeinert: Als das Gewitter den Himmel veränderte, bis zum Abend. Seit langem war es mein Stolz, alle möglichen Landschaften zu besitzen. Es ist klar, daß ich immer von minderwertiger Rasse gewesen bin.

Ich suche alte Dummköpfe aus den Schuljahren auf: Alles, was mir an Dummem, schmutzigem, Bösen, in Wort und Tat einfällt, das liefere ich ihnen.

Immer dasselbe Grünzeug in Frankreich, verdrossen, schwindsüchtig, lächerlich, durch das am Abend friedlich die Dackel ihren Bauch schleifen. Wenn es ein Wasser in Europa gibt, nach dem ich mich sehne, so ist es die schwarze und kalte Pfütze, an der traurig kauernd ein Kind im Atem der Dämmerung sein Schiffchen, zart wie Maienfalter, treiben läßt.

Voller Leidenschaft für die Armut, graust mir vor der Sicherheit. Ich brauche die Öde des Raumes - die kargen Zimmer und die Öde der Zeit - die Hungertage. Ich gewöhnte mich an die einfache Halluzination: Ich sah ganz deutlich eine Moschee anstelle einer Fabrik, eine von Engeln geführte Trommlerschule, einen Salon auf dem Grund des Sees. Ich vermeinte die VERNUNFT und das GLÜCK gefunden zu haben, aber kaum war ich erwacht, träumte ich traurig weiter: Die gefundene EINHEIT wärte edle Minuten; eine Illusion, sonst nichts. Vom Himmel zog ich das Blaue weg. Ich wartete auf die wiederkehrende Güte.